Der linke Niederrhein hat auf der fußballerischen Landkarte in Deutschland im VfL 1900 Borussia Mönchengladbach ein über die Landesgrenzen hinaus bekanntes und beliebtes Zugpferd. Doch im Schatten dieses Vereines existieren viele weitere kleine Vereine, sogar innerhalb der Stadtgrenzen der 280.000 Einwohner-Stadt Mönchengladbach. Die vielen kleinen Vororte, Bezirke und dorfähnlichen Wohngebiete sind es, die dem großen Verein u. a. immer wieder die Talente zuspielen.
Eine dieser Örtlichkeiten ist Bettrath. Seine wenigen Bewohner zeichnen sich stets durch einen großen Zusammenhalt untereinander und eine „jeder-kennt-jeden“-Mentalität aus. In Bettrath ist jeder willkommen und es steht für Gemeinschaft, Lebensfreude und tief verwurzelte Bodenständigkeit. In diesem Ort Bettrath also entstand 2005 die Idee, dem kleinen Vorort einen Fußballverein zu schenken.
Dieser Verein sollte den Fußball-Verrückten der näheren Umgebung eine Möglichkeit bieten, sich für ihre Heimat fußballerisch mit den Kreis-lokalen Mannschaften aus Neuwerk, Viersen etc. zu messen. Michael Veldung startete als treibendes Organ dieser Idee den Versuch, Fußballer für sein Vorhaben zu begeistern. In relativ kurzer Zeit und unter großem, leidenschaftlichen Einsatz wurde der Verein gegründet, der wohl jüngste Vorstand im gesamten Kreis benannt und eine Vielzahl an motivierten, talentierten Spielern für das Projekt gewonnen. Das größte Problem in dieser Phase stellte noch die Organisation eines Spiel- und Trainingsplatzes dar. Zwar gibt es in Bettrath eine moderne Fußballanlage, allerdings gehört diese Borussia Mönchengladbach, Relikt aus alten Tagen, und der neu gegründete und anfangs belächelte Provinzverein bekam hier zunächst keine Kapazitäten eingeräumt. Ebenso verweigerten die Sportfreunde aus Neuwerk dem gerade gegründeten Nachbarschaftsverein ihre Unterstützung; wohl auch, weil man in dem neuen Verein mehr eine Bedrohung, denn eine fußballerische Bereicherung für die Region erkannte. Dieser Punkt wurde problematisch, da man wenn möglich schon die Saison 2006/2007 im Ligabetrieb mitspielen wollte. Es hatte ein wenig vom Kampf des kleinen Dorfes in Gallien, was dem römischen Heer immer und immer wieder Widerstand leistete.
Nach vielen Diskussionen und Telefonaten bekam der FC Bettrath dann doch tatsächlich Kapazitäten im 23 km entfernten Beckrath zugesprochen. Hier befand sich ein Ascheplatz, völlig ungeschützt vor Wind und Wetter, wo in der ersten Saison die Heimspiele ausgetragen wurden. Sicherlich war diese Situation nicht förderlich um neue Spieler anzuwerben oder eine Jugendabteilung aufzubauen, aber man hatte Fuß gefasst, was dem Verein, vor allem in der näheren Umgebung, kaum jemand zugetraut hatte. Es fand sich eine quantitativ starke Truppe, die unter der Leitung eines erfahrenen Trainers die erste Saison mit Rang 7 abschloss. Die Begeisterung im Dorf war schier unglaublich, viele der Spieler kamen aus Bettrath und wurden fantastisch unterstützt. Trotz der weiten Anreise befanden sich teilweise bis zu 60 Zuschauer am Platz, die in Eigenregie für Speis und Trank sorgten. Der Hype brachte sogar eine kleine Ultrabewegung hervor. Der 1. FC Bettrath war in aller Munde, die Presse trug mit Schlagzeilen wie „Aus Bettrath kommen die neuen Helden der Kreisklasse“ ihren Teil dazu bei. 2006 gab es auch die erste Teilnahme am prestigeträchtigen Hallen-Masters in Mönchengladbach. Als Neuling sorgte man hier nicht Furore, die Rheinische Post beschrieb das Ergebnis am 29.12.2006 folgendermaßen: „Zwar war es nur das Tor zum 1:4 gegen Hehn, doch die mit Schals ausgerüsteten und lautstarken Bettrather feierten das Tor wie einen Sieg. Am Ende schlug sich der Neuling bei der ersten Teilnahme achtbar, landete einen Sieg und somit auf dem vierten Tabellenplatz.“
Der FC Bettrath sammelte viele Sympathiepunkte und gewann auch Freunde in anderen Vereinen, die das Projekt positiv aufnahmen. Allerdings änderte sich an der organisatorischen Situation vorerst nichts. Erst zur Rückrunde der zweiten Saison 2007/2008 zeigte sich der SV Lürrip hilfsbereit und räumte den Bettrathern Trainingsmöglichkeiten auf ihrem alten Ascheplatz ein. Dies ermöglichte der Mannschaft nun geographisch deutlich besser gelegene Trainings- und Spielmöglichkeiten und auch der Support der Mannschschaft formierte sich daher noch stärker:
Neben den Ultras, gründeten sich die Ultra Ladies. Somit hatte der FC Bettrath nach nur zweieinhalb Jahren den ersten weiblichen Fanclub. „Ein Ascheplatz-Märchen“ titelt die Rheinische Post im Mai 2008. Auch eine Alt-Herren Mannschaft schloss sich dem sympathischen Provinzclub an, natürlich bestehend aus vielen Bettrathern. 130 verbundene Mitglieder, aktiv und passiv, zählte der FC Bettrath am Ende des Spieljahres 2007/2008.Das Wort „Aufstieg“ befand sich schon in der ersten Saison im Vokabular der Verantwortlichen. Anfangs noch salopp daher gesagt, reiften der Gedanke und die Idee, wie man diesen Wunsch realisieren kann. Nachdem auch in der zweiten Spielzeit nur der siebte Rang erreicht wurde, wurde nun mehr in das Unternehmen Aufstieg investiert. „Doppelter Kir für den FC Bettrath“ war bald darauf in den Schlagzeilen zu lesen. Zwei erfahrene Spieler sollten dazu beitragen, dem Verein den großen Sprung zu ermöglichen. Durch die qualitative Aufbesserung des Kaders, fielen nach und nach jedoch die eigentlichen Bettrather aus dem Kader. Doch dieser Verlust der Grundidee wurde hingenommen, um in der Saison 2008/2009, mit gut erreichbarem Ascheplatz, einer gestärkten ersten Elf und positiv verrückten Fans den Aufstieg in die Kreisliga B zu schaffen. Lange Zeit schien die Rechnung aufzugehen, aber leider reichte es aber dann doch nur zu Platz 2 in der Endabrechnung, da man das entscheidende Spiel gegen den Tabellenführer aus Wickrathhahn mit 1:3 verlor.
Dies sollte in der nächsten Saison anders werden. Mit erneut umgestelltem Kader und neuem Trainer ging es 2009/2010 glatt Richtung Aufstieg. Was man nicht bedachte war, dass durch die geringere Identifikation der Fans mit dem Verein und durch das Wegbrechen der „eigenen Leute“, auch die Unterstützung geringer wurde. Viele Spieler waren den meisten Fans völlig fremd. Diesen Missstand bemerkte vorerst niemand und so marschierte die Mannschaft am Ende der Saison 2009/2010 regelrecht in Richtung Kreisliga B. Ein 18:0 gegen den SV Dohr am letzten Spieltag beseitigte alle Zweifel: Die treibenden Organe hatten ihren Wunsch in die Realität umgesetzt. Man wurde nun ernst genommen im Kreis, da aus der einstig belächelten „Thekenmannschaft“ ein Kreisliga B-Ligist wurde. Doch nun stellte sich natürlich die Frage wie es denn weitergehen soll.
Ein positiver Nebeneffekt der Saison 2009/2010 war, dass der Verein im Kreis recht beliebt war und sich sogar eine E-Jugendmannschaft dem Verein anschloss. Später kam dann sogar noch eine A-Jugend hinzu, obwohl auf dem spärlichen Trainingsgelände nicht mal Duschen vorhanden sind.
In der kürzlich abgelaufenen Saison setzte man erneut auf optimiertes Personal. Der neue Trainer sorgte letztendlich über seine Kontakte dafür, dass der 1. FC Bettrath seine Heimspiele von nun an auf dem neuen Kunstrasenplatz auf dem oben erwähnten Borussia-Trainingsgelände in Bettrath austragen durfte. Dies stellte, auch in den Augen der Kritiker, einen nicht für möglich gehaltenen Erfolg für den kleinen Verein dar. Jedoch war klar, dass der Kader die Klasse nur sehr schwer wird halten können. Spieler kamen und gingen, es wurde viel versucht. Als der Verein zur Rückrunde der Saison 2010/2011 auf dem letzten Tabellenplatz lag, konnte man über Kontakte den ehemaligen Profifußballer René Schnitzler (Borussia Mönchengladbach, FC St. Pauli) für den Verein begeistern. Er sollte die Truppe aus dem Keller führen, doch es entwickelte sich alles ganz anders. Man versprach sich neben sportlichem Erfolg mediales Interesse und damit verbunden lukrative Sponsoren Folgende Schlagzeilen, wie „Schnitzler trifft für Bettrath“ (Westdeutsche Zeitung), Schienen der Entscheidung, Schnitzler zu holen, Recht zu geben. Doch dieser Veränderungen im Kader hatten den gerade erst erstandenen Mythos des 1. FC Bettrath stark ins Wanken gebracht. Der Zusammenhalt, der den Verein und das Dorf vereinte, war nicht mehr da. „Söldnertruppe“ hörte man dieser Tagen häufiger. Das Konzept des 1. FC Bettrath verlor das Gesicht. Der sportlichen Talfahrt folgte die Auflösung der Jugendmannschaft. Ebenso schwand die Unterstützung.
Die Gründung einer zweiten Mannschaft zur Saison 2010 / 2011 sollte dem Verein sein ursprüngliches Gesicht wiedergeben. Viele lokale Spieler wurden dafür gewonnen und es entstand eine Mannschaft, welche sich durch großen Zusammenhalt untereinander, leider aber auch sportlichen Misserfolg in der ersten Kreisliga C Saison auszeichnete. Die Saison wurde sehr enttäuschend mit nur einem erspielten Zähler auf dem letzten Platz beendet. Ebenso stieg die erste Mannschaft in dieser Saison wieder in die Kreisliga C ab.
Am Ende der Saison steht der Verein also nun vor den Trümmern einer Saison und auch eines röchelnden Mythos. Dieser Mythos ist nicht tot, aber er schläft. Die Begeisterung soll nun wieder mit dem alten Konzept „Aus Bettrath für Bettrath“ erweckt werden. Auch wenn sich manche Kratzer nicht mehr kaschieren lassen werden, so kann der 1. FC Bettrath Aus dieser Krise nun gestärkt hervorgehen.
Ein Verein aus einem Örtchen, vergleichbar mit dem Dorf der Gallier um Asterix & Obelix, die viele Hindernisse überwinden mussten um so weit zu kommen, ist nun auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt und will gemeinsam mit seinen Fans wieder die Basis und Anlaufstelle für Fußballer aus Bettrath sein. Hierzu muss dringend die Euphorie wieder her, die den Verein in eine erfolgreiche Zukunft treiben wird.
Derzeit wird die neue Saison geplant, mit vielen alten Spielern aus den ersten beiden Spielzeiten. Sportlicher Erfolg ist nicht so wichtig, wie der Zusammenhalt. Das ist die Lehre aus den letzten Jahren und hoffentlich auch der Leitsatz für die Zukunft.
Autor: Michael Döhmen, August 2011





